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Matthäus-Passion
Sa, 13. Mai 2023, 19:00

Johann Sebastian Bach [1685 – 1750]

Matthäus-Passion
Matthäus-Passion
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Matthäus-Passion

Die Berichte von Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christi in den Evangelien gehören zu den Fundamenten der europäischen Kultur. Bach schuf mit »Matthäus-Passion« ein musikalisches Ritual für die gläubige Gemeinde seiner Zeit. Doch was bedeutet die Passion für eine diverse Gesellschaft, in der die christliche Religion zunehmend an Relevanz verliert? Was bedeuten ihre zentralen Motive – Verrat, Hass, Todesangst, Vertrauen, Liebe und Vergebung –, aufgeführt im säkularen Opernhaus? Wieviel Distanz entsteht? Und welche Gemeinschaft wird erfahrbar in einer Aufführung, in der auch das Publikum und Berliner Laien-Chöre zum Mitsingen eingeladen sind? … Dirigent: Alessandro De Marchi; Regie: Benedikt von Peter; Mit Sebastian Kohlhepp, Padraic Rowan, Michael Bachtadze, Dean Murphy, Elbenita Kajtazi, Annika Schlicht, Kieran Carrel, Joel Allison u. a.
Zum WerkBachs Matthäus-Passion von 1729 hatte ihren ursprünglichen Sitz in der Leipziger Thomaskirche als religiöses Ritual für die gläubige Gemeinde während der Karfreitagsliturgie. Mit Bachs Tod jedoch verschwand die monumentale, dramatisch-epische Komposition aus dem jährlichen Kirchenkalender. Erst durch Felix Mendelssohn Bartholdys legendäre Berliner „Wiederentdeckung“ mit der neugegründeten „Sing-Akademie zu Berlin“ begann 100 Jahre später eine breite Rezeptionsgeschichte, und auch ein Stück Berliner Kulturgeschichte: Das gemeinsame Singen der Passion und damit auch die Feier der „Passions-Werte“ trafen in jenen Jahren um 1829 auf die Nationalbewegung in Deutschland. So erscheint die Herausbildung einer bürgerlich-autonomen Kunstreligion in Berlin eng verknüpft mit den Aufführungen der Matthäus-Passion, und fortdauernd bis heute gehören Bachs Passionen zum zentralen Repertoire großer Chöre und Chorvereine.

Zur InszenierungFür eine szenische Version der Matthäus-Passion interessiert Regisseur Benedikt von Peter die Frage nach der Bedeutung des Passionsgedankens für eine diverse Gesellschaft, in der die christliche Religion zunehmend an Relevanz verliert. Wie kann man heute das zentrale Passionsmotiv des Leidens verstehen? Wieviel Distanz entsteht bei einer Aufführung im säkularen Rahmen eines Opernhauses? Und welche Art von Gemeinschaft kann es geben?

Benedikt von Peter hat mit seinen Regiearbeiten in den letzten Jahren vor allem mit ungewöhnlichen Raumlösungen im Musiktheater auf sich aufmerksam gemacht und fokussiert in seinen Inszenierungen auf die jeweilige „Architektur eines Stückes“, die er aus der Komposition auf Bühne und Zuschauerraum zu übertragen sucht. Die schon von Bach doppelchörig angelegte Matthäus-Passion wird in diesem Sinne auf das gesamte Auditorium und die Hauptbühne ausgeweitet. Vier Orchester, mehrere Gruppen des Hauschores und Berliner Singvereine sind auf den gesamten Raum verteilt. Das Publikum sitzt sich gegenüber – im Zuschauerraum und auf einer Tribüne auf der Hauptbühne – und ist eingeladen, aktiv zu partizipieren und mitzusingen. Im säkularen Opernhaus wird so über eine performative Anordnung die Idee von Gemeinschaft als soziale Plastik erfahrbar. Inmitten dieser Gemeinde findet das szenische Spiel des Evangeliumstextes statt: Kinder und Jugendliche übernehmen die Narration und tragen die Darstellung von Schmerz, Leid und Tod – nah am Publikum und eingebettet in die musikalische Interpretation der Solist*innen. Die Zentralperspektive des Guckkastens wird so aufgehoben zugunsten eines gemeinsamen Rituals von Erwachsenen und Kindern, Laienchören und professionellen Künstler*innen mit je eigenen Perspektiven auf einen 2000 Jahre alten Text und dessen Wirkungsgeschichte.

Werkinfo:
Oratorium von Johann Sebastian Bach Uraufführung am 15. April 1729 in Leipzig Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 5. Mai 2023

empfohlen ab 11 Jahren