← zurück zum Repertoire

Semiramide (halbszenisch)

Im Haus der Berliner Festspiele

Salome Jicia

Rossinis Titelgestalt ist in tiefe Machtintrigen und Familienkonflikte verstrickt, die dem Komponisten die Möglichkeit eröffnen für abgründige Wahnsinnsszenen, reich ornamentierte Liebesschwüre und glutvolle Rachearien. So entsteht »die letzte Oper der großen Barocktradition, die schönste, die fantasiereichste, möglicherweise die vollkommenste; aber auch – unwiederbringlich – die letzte« (Rodolfo Celetti) ... Dirigentin: Yi-Chen Lin; Mit Salome Jicia (anstelle von Vasilisa Berzhanskaya), Beth Taylor, Riccardo Fassi, Levy Sekgapane u. a.
Zu Unrecht wird Rossini auf seine Begabung als Buffa-Komponist beschränkt, zu Unrecht liegen seine Seria-Opern im Schatten des BARBIERE DI SIVIGLIA. Zwischen seiner ersten Oper IL CAMBIALE DI MATRIMONIO [Venedig 1810] und seiner letzten GUILLAUME TELL [Paris 1829] spannt sich das erfolgreiche Œuvre des Komponisten. Es zeigt eine zwanzigjährige vielfältige Entwicklung in unterschiedlichen Formen – von der ›farsa‹ über die Opera buffa, die Opera seria bis hin zur Grand opéra.

Verdi rühmte Rossinis geschmeidige Melodiensprache; seine brillante Kantabilität in den Gesangsstimmen und seine charakteristische Orchesterbegleitung stehen für typisch italienische Klangkultur auf der Opernbühne. 1823 markierte Rossini mit SEMIRAMIDE den Höhepunkt des Genres der alten großen italienischen Gesangsoper; die Zukunft sollte mit der Interpretation von Wagner- und Verdi-Partien ganz neue stimmliche Entwicklungen fordern.

Die Opera seria, der im Gegensatz zur Opera buffa als Libretto typischerweise eine Tragödie mit Persönlichkeiten aus Mythologie und Geschichte zugrunde liegt, bietet Figurentypen in festgelegten Situationen auf: der Held, die Heldin, der Bösewicht, die helfenden Figuren entsprechen einer Typisierung auch in Umfang und Anlage der Partien. Im Vordergrund der Bühnenwirkung aber stehen kunstvolle Koloraturen und kulinarische Verzierungen, die die psychologisch-dramaturgische Entwicklung in den Hintergrund treten lassen. Die virtuose, kapriziöse Primadonna war in der Belcanto-Oper das Maß aller Dinge für Komponisten, Theaterdirektoren und Publikum.

Rossini, der sich selbst als der »Letzte unter den Klassikern« sah, wählte für sein Meisterwerk SEMIRAMIDE einen archaischen Stoff, wie für eine »Opera monumentale« geschaffen: Die sagenumwobene babylonische Königin der Assyrer als Titelfigur, verstrickt in komplizierte Machtintrigen und Familienkonflikte. Die Stimme des Blutes ertönt, die des göttlichen Orakels und die der menschlichen Leidenschaften. Die Handlung bietet Königsmord, unbewussten Inzest und versehentliche Muttertötung, um dem Komponisten die Möglichkeiten für theatralische Situationen mit abgründigen Wahnsinnsszenen, reich ornamentierten Liebesschwüren, glutvollen Rachearien und glänzend effektvollen Chorszenen zu bieten. SEMIRAMIDE ist »die letzte Oper der großen Barocktradition, die schönste, die fantasiereichste, möglicherweise die vollkommenste; aber auch – unwiederbringlich – die letzte«, schreibt Rodolfo Celetti in seiner Geschichte des Belcanto.

Werkinfo:
Gioacchino Rossini [1792 – 1868]
Melodramma tragico in zwei Akten / SpielfassungLibretto von Gaetano Rossi nach Voltaires "Le Tragédie de Sémiramis"Uraufführung am 3. Februar 1823 in Venedig