← zurück zum Kalender

Orfeo ed Euridice
So, 01. Jul 2018, 19:30

Azione teatrale per musica von Christoph Willibald Gluck
Text von Ranieri de’ Calzabigi
(Wiener Fassung 1762)

Wie kaum eine andere Oper hat Christoph Willibald Glucks »Orfeo ed Euridice« den Entwicklungsgang des Genres beeinflusst: Das 1762 in Wien uraufgeführte Werk bündelte auf geradezu mustergültige Weise die zahlreichen Reformansätze seiner Zeit. Die traditionelle »Opera seria« wurde durch Glucks »Azione teatrale«, die den natürlichen, authentischen Ausdruck der Figuren in den Mittelpunkt stellt, herausgefordert und gewissermaßen überwunden. Der Orpheus-Mythos, der die Form der Oper selbst begründete und bis heute zu den beliebtesten Stoffen des Musiktheaters zählt, hatte mit Gluck eine vollkommen neue Ausformung gefunden. Seine Verarbeitung der Geschichte von Orpheus, der die Götter der Unterwelt mit seinem Gesang betörte, um seine geliebte Eurydike ins Leben zurückholen, ist von einer bis dahin nicht gekannten dramatischen Wahrhaftigkeit und lässt das Publikum tiefen Anteil nehmen an der Gefühlswelt der Protagonisten.

Werkinfo:
Es gab eine Zeit in der Operngeschichte, zu der es nötig schien, die traditionelle Opera seria von innen heraus zu erneuern. Trotz so hervorragender, zweifelsohne phantasievoller Komponisten wie Alessandro Scarlatti, Georg Friedrich Händel oder Johann Adolf Hasse schien diese Kunstform zunehmend erstarrt: Nicht nur die oft reichlich stereotype Abfolge von Rezitativen und Arien galt als wenig zukunftstauglich, auch wurde die demonstrativ ausgestellte sängerische Virtuosität als purer Selbstzweck angesehen, da sie nicht der Vergegenwärtigung des dramatischen Geschehens diente. Text und Handlung enthielten kunstvolle Wortspiele und kompliziert eingefädelte Intrigen, die nur schwer fassbar, geschweige denn verständlich waren — im Mittelpunkt standen allein die Schönheiten der Musik und die spektakulären stimmlichen Leistungen der Protagonisten.


Diesen vielerorts als betrüblich empfundenen Zuständen wollten selbsternannte Reformer abhelfen. Im Falle von »Orfeo ed Euridice« waren es drei Personen, die daran ihren Anteil hatten. Zunächst der Graf Giacomo Durazzo, Generaldirektor der Wiener Hofoper; er strebte eine grundlegende Erneuerung der alten Opera seria an. Aus dem Geist der Aufklärung heraus, die nach Rousseau das Motto »Zurück zur Natur« proklamierte, sollte jegliche Künstlichkeit aus der Operndichtung und -komposition getilgt werden. Ein natürliches Singen und Spielen war gefragt, eine lebendige Darstellung des auf die Bühne gebrachten Dramas, ob nun Tragödie oder Komödie.


Der Librettist Rainieri de’ Calzabigi verfolgte die gleichen Ziele: Auch ihm kam es darauf an, die standardisierte, häufig eindimensionale Zeichnung der Figuren zugunsten von »wirklichen Menschen« mit ihrem individuellen Denken, Fühlen und Entäußern aufzulösen. Natürlichkeit des Ausdrucks war auch hier gefragt, im Sinne einer glaubhaften Verkörperung der Charaktere. Diese sollten ein möglichst breites Spektrum menschlichen Empfindens durch ihre Worte und ihren Gesang abbilden; beides sollte durch den Betrachter unmittelbar verstanden werden können. Eine vergleichsweise schlichte Handlung in einfacher Sprache schien deshalb angebracht zu sein, und dies in deutlicher Absetzung zu den üblichen Libretti mit ihren verwickelten, kaum richtig zu entwirrenden Handlungssträngen.


Der Komponist schließlich — Christoph Willibald Gluck aus der Oberpfalz, der sich europaweit einen glänzenden Ruf als Meister der Opera seria erworben hatte — wurde mit der Aufgabe betraut, auf den Text eine Musik zu schreiben, die eingängig genug war, um dem Publikum zu gefallen, zugleich aber den Sinn der Worte nicht verdeckten, sondern mit äußerster Klarheit zur Erscheinung bringen würde. Entscheidend bei alledem war die Wahrheit des musikalischen Ausdrucks sowie die Entwicklung eines in allen Momenten theatralisch überzeugenden »dramma per musica«.


Mit der »Azione teatrale« »Orfeo ed Euridice« schufen der Dichter Calzabigi und der Komponist Gluck auf Anregung von Graf Durazzo schließlich jenes Werk, das gleichsam zum Inbegriff der klassischen Reformoper wurde. Der Orpheus-Mythos, der nicht von ungefähr bei der »Erfindung« der Oper in Italien Pate stand — man denke hier an die »Euridice« von Jacopo Peri und Giulio Caccini aus dem Jahre 1600 und an den »Orfeo« von Claudio Monteverdi von 1607 — , hatte eine neue Ausformung gefunden: Mit der Uraufführung von »Orfeo ed Euridice« Anfang Oktober 1762 im Burgtheater zu Wien war ein neues Kapitel der Operngeschichte aufgeschlagen worden.





Text von Detlef Giese

Dauer:
ca. 1:20 h | keine Pause