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King Arthur
Mo, 21. Mai 2018, 18:00

Semi-Opera in fünf Akten von Henry Purcell
Text von John Dryden


Sprechtexte in der deutschen Übersetzung von Wolfgang Wiens und Hans Duncker

Der Gründungsmythos des britischen Inselreiches kreist vor allem um die Geschichten vom legendären König Arthur. Auch in der »dramatick opera« von John Dryden und Henry Purcell, dem originellsten englischen Komponisten der Barockzeit, steht dieser »British worthy« im Zentrum der Handlung: Arthur muss England vor den einfallenden Sachsen verteidigen, die wie eine Naturgewalt über das Land hereinbrechen. Auch Arthurs Liebesglück ist in Gefahr, denn der Sachsenkönig Oswald erhebt Anspruch auf seine Braut, die blinde Emmeline. Sowohl Arthur als auch Oswald werden in ihrem Kampf von Magiern und Geisterwesen unterstützt, in die Irre geführt und gerettet, doch letztlich hängt alles – das Schicksal Englands wie auch das Emmelines – von einem Duell zwischen den beiden Kontrahenten ab.


»King Arthur« ist eine typisch britische Semi-Opera, in der Schauspiel, Musiktheater und Tanz eine geradezu magische Symbiose eingehen und sich erhabene Kunst von großer Ernsthaftigkeit mühelos mit humorvollen Elementen und spektakulären Showeffekten mischt. Während die Hauptfiguren von Schauspielern verkörpert werden, bieten heidnische Rituale, Momente von Liebesglück, aber auch magische Kämpfe und diverse Naturerscheinungen immer wieder Anlass für allerlei Phantastisches, Übernatürliches und vor allem für eindrucksvolle musikalische Tableaus mit Gesangssolisten und Chor.

Werkinfo:
Der britische Orpheus


Henry Purcell und »King Arthur«


Ein Ausschnitt aus dem Programmheft


Er war eine Jahrhundertbegabung als Komponist, bewundert von seinen Zeitgenossen, hoch geschätzt von der Nachwelt. Was Henry Purcell für die englische – und die europäische – Musik getan hat, ist sicher kaum zu überschätzen. Auch wenn seine Werke im 18. Jahrhundert nach und nach von denjenigen Georg Friedrich Händels in den Hintergrund gedrängt wurden, so blieb doch noch lange nach Purcells Tod die Erinnerung an ihn lebendig. Seine eindrucksvolle Sakralmusik ‒ insbesondere seine feierlichen Anthems und liturgischen Stücke ‒ spielte dabei ebenso eine Rolle wie seine vielgestaltigen Instrumentalwerke, unter ihnen zwei Serien von Sonaten, eine Sammlung von Fantasien sowie diverse Ouvertüren, Tanzsätze und Cembalo-Suiten. Zudem brachten ihm auch seine Odenkompositionen, rund zwei Dutzend an der Zahl, große Anerkennung bei Hofe wie in der städtischen Öffentlichkeit ein ‒ mit seinen anlässlich des Festtags der Heiligen Cäcilie, der Schutzpatronin der Musik, entstandenen Oden, wurde er geradezu identifiziert.


Vor allem aber war es seine Theatermusik, die für Aufsehen sorgte und den Ruf Purcells, der originellste englische Komponist seiner Generation zu sein, wesentlich begründete. Dass sich England auch nach der glanzvollen Epoche der Renaissance, innerhalb derer Komponisten wie Thomas Tallis, William Byrd, John Dowland oder Orlando Gibbons Weltgeltung besaßen, als gewichtige Stimme innerhalb der europäischen Musik behaupten konnte, ist in hohem Maße seinem Wirken und seiner Ausstrahlungskraft zu danken.


Indes ist Purcells erstaunliche Karriere ohne die günstigen, für ihn sehr vorteilhaften kulturpolitischen Voraussetzungen kaum denkbar. Seine Lebens- und Schaffenszeit fällt in eine spürbare Aufschwungphase des englischen Musiklebens, nachdem ihr vormaliger hoher Stand während des Bürgerkrieges und der Herrschaft der Puritaner merklich gelitten hatte. Unter dem Regiment der Stuart-Könige Charles II. und James II., aber auch nach der »Glorious Revolution« von 1688 unter William III. von Oranien besserte sich die Lage zusehends. Insbesondere betraf das die höfische Kultur, die sich durch die Neukonstitution der Chapel Royal als eines ausgesprochen leistungsfähigen und weithin ausstrahlenden Ensembles von Sängern und Instrumentalisten wieder glänzend entfaltete, aber auch das bürgerliche Konzertwesen erlebte eine erste Blüte.


Purcell, aus einer musikalischen Familie stammend und hochgradig talentiert, konnte sich in beiden Sphären als Musiker und Komponist einbringen. So war er etwa der Chapel Royal seit seiner Kindheit und Jugend verbunden: zunächst als Chorist, nach dem Stimmbruch dann als »Keeper of the Royal Instruments« (in dessen Verantwortung die Pflege und Stimmung der Tasten- und Blasinstrumente lag), schließlich als Organist. Die Orgel spielte er über einige Jahre hinweg auch an prominenter Stelle in Westminster Abbey, zudem wirkte er als Leiter des royalen Streichorchesters (den »25 Violinen des Königs«) und war als königlicher Hofkomponist in Whitehall Palace, dem bevorzugten Sitz der Monarchen, aktiv. Darüber hinaus unterhielt er enge Kontakte zu verschiedenen Londoner Theaterunternehmern – Purcell als eine Zentralgestalt der englischen Kultur des späten 17. Jahrhunderts zu begreifen, trifft sicher den Kern der Sache.


Im Umkreis der Chapel Royal kam er intensiv mit der Musik seiner Zeit in Berührung. Das betraf nicht allein die reichhaltige Tradition der englischen Kirchenmusik, sondern auch die modernen Entwicklungen, vor allem aus Frankreich und Italien, den führenden musikalischen Kulturen auf dem Kontinent. Diese produktiv aufgegriffen und zu einem sehr eigenen Stil ausgeformt zu haben, gehört ebenso zu Purcells individuellem Profil als Komponist wie eine staunenswerte melodische Erfindungsgabe und satztechnische Souveränität, die es ihm möglich machten, Werke von beispielgebender Qualität zu schreiben – ob nun für Kirche, Kammer oder Bühne.


Purcells Schaffen für das Theater ist äußerst vielfältig und nicht leicht zu überblicken. Ab 1680 steuerte er Musik zu zahlreichen Bühnenstücken bei, sei es in Gestalt von eingestreuten Airs und Songs, Vokalensembles und Chören oder von Instrumentalsätzen, die häufig als Einstimmung und »offizielle« Eröffnung der Vorstellungen gespielt wurden, als Zwischenaktmusiken erklangen, aber auch Auf- und Abtritte jeglicher Art begleiteten: Das Spektrum reichte dabei von der Darstellung religiöser Rituale und lyrischen Pastoralen über laute Kriegsmusik und Stücken mit merklichem folkloristischen Einschlag bis hin zu teils derben Trinkliedern und Tänzen. Für alle diese Szenerien musste Purcell das richtige Gespür haben und den richtigen Ton finden.


Ein besonderes Merkmal dieser Aufführungen bestand darin, dass in ihnen – mit typisch britischem Pragmatismus – verschiedene Genres auf originelle Weise miteinander vermischt wurden. Aus Schauspiel, Musik und Tanz, höfischem Zeremoniell entwickelte sich eine eigentümliche Art von »Gesamtkunstwerk«, die es in anderen Ländern in dieser Form nicht gegeben hat. Erhabene Kunst von großer Ernsthaftigkeit stand nicht selten unmittelbar neben Elementen, die einzig und allein dem Zweck des »Entertainment« dienten, selbst wenn dies gehobener Art war. Im produktiv-ergebnisorientierten Zusammenwirken von Dichtern, Komponisten, Choreographen, Schauspielern, Sängern, Tänzern und nicht zuletzt Bühnenbildnern und -maschinisten wurde eine wahre »Multimedia-Show« inszeniert, die ihre Wirkung auf das Publikum keineswegs verfehlte. Die Londoner Musiktheateraufführungen der Restaurationszeit mit ihrem sehr besonderen Gepräge besaßen einen hohen Schauwert und waren entsprechend attraktiv.


[…]


Die 1691 uraufgeführte »Semi-Opera« »King Arthur« war – nach allem was bekannt ist – der zu Lebzeiten wohl größte Erfolg Henry Purcells: Sujet wie Musik waren dazu angetan, ein breites Publikum anzusprechen und zu begeistern. Aber auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein, ist dieses Werk, als Ganzes wie in Teilen, wiederholt zur Aufführung gebracht worden – ein Sonderfall, wie er außerhalb Englands kaum denkbar gewesen wäre, aber auch ein deutliches Zeichen für die ungebrochene Popularität des Stückes. Und in der durch die historisierende Aufführungspraxis in Gang gesetzten Wiederbelebung des barocken Repertoires spielte die Musik Purcells bekanntlich eine wichtige Rolle: Hierbei war es neben der einzigen »richtigen« Oper aus seiner Feder, »Dido and Aeneas«, wiederum »King Arthur«, dem das besondere Interesse galt. Als ein Werk von großem musikalischem Reichtum und einer enormen Bühnenwirksamkeit wurde es von Interpreten wie Hörern gleichermaßen geschätzt. Viele seiner Melodien besitzen einen regelrechten »Ohrwurmcharakter«, viele seiner Rhythmen sind von großer Vitalität getragen, von geradezu mitreißender Art, und auch seine originelle, erstaunliche harmonische Sprache lässt oft genug aufhorchen.


Henry Purcell ist »der« Komponist der Restaurationszeit ‒ und »King Arthur« ist eines seiner Markenzeichen, das große Werk eines wahrhaft großen Künstlers. Als Purcell im November 1695 im Alter von erst 36 Jahren starb, trauerte das musikalische England, wohl wissend, dass man einen Verlust erlitten hatte, der nicht zu ermessen war. Seine Anthems und Oden, seine Sonaten und Songs, in entscheidender Weise aber auch seine Theatermusik bezeugen eindrucksvoll den Ausnahmerang Purcells. Der »britische Orpheus« hat ein Werk geschaffen, das höchste Bewunderung verdient.


Detlef Giese

Dauer:
ca. 3:15 h | inklusive 1 Pause