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La forza del destino
Fr, 26. Jun 2020, 19:00

Giuseppe Verdi (1813 – 1901)

Frank Castorf
Frank Castorf

Als erste „moderne“ Oper, die aus Ideen und nicht aus einzelnen Nummern bestünde, ordnete Giuseppe Verdi selbst seine 1862 uraufgeführte FORZA DEL DESTINO ein. Tatsächlich bezieht das gesamte Werk seine Antriebskraft aus der Polarität zweier entgegengesetzter Gefühlswelten, die die Hauptfiguren geradezu obsessiv beherrschen: Auf der einen Seite die vermeintliche Schuld am Tode von Leonoras Vater, die auf ihr und ihrem Geliebten Alvaro lastet. Auf der anderen Seite der Rachedurst, der Leonoras Bruder Carlo dazu treibt, die beiden über alle Grenzen hinweg zu verfolgen. Über drei Stunden hinweg entspinnt sich eine bedingungslose Verfolgungsjagd, die die drei Hauptfiguren durch eine Welt führt, die immer mehr aus den Fugen gerät. In wüsten Massenszenen erleben wir eine enthemmte Gesellschaft, in der nur noch das blanke Überleben zählt und die Gewalt jegliche Moral ersetzt hat. Selbst die Autorität der Kirche, in deren Armen Leonora und Alvaro Schutz suchen, erweist sich als brüchig und ist der „Macht des Schicksals“, der Energie des Bösen unterlegen. Damit ist LA FORZA DEL DESTINO Verdis verstörendste Oper, deren Aktualität auch im 21. Jahrhundert immer wieder durch neue Bürgerkriege und Gewalttaten bekräftigt wird.

Die letzte Inszenierung dieses Werks an der Deutschen Oper Berlin ist Legende: Hans Neuenfels’ radikal aktualisierte Version polarisierte 1982 das Publikum. Nun setzt sich ein weiterer großer deutscher Regisseur mit dem Stoff auseinander: Frank Castorf, der ein Vierteljahrhundert mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne Theatergeschichte schrieb und sich in den vergangenen Jahren u.a. mit seinem Bayreuther RING DES NIBELUNGEN stärker dem Musiktheater zugewandt hat, legt mit LA FORZA DEL DESTINO nun endlich auch seine erste Opernregie in Berlin vor.

Werkinfo:
[Die Macht des Schicksals]

Melodramma in vier Akten
Libretto von Francesco Maria Piave
Textliche Neufassung von Antonio Ghislanzoni
Uraufführung: 10. [22.] November 1862 in St. Petersburg
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 8. September 2019