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Oper in Berlin

Don Giovanni

IL DISSOLUTO PUNITO OSSIA IL DON GIOVANNI –
DER BESTRAFTE WÜSTLING ODER DON GIOVANNI
Sa | 16.10.10 | 19.00 Uhr
Premiere
Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Lorenzo Da Ponte
Uraufführung am 29. Oktober 1787 in Prag
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 16. Oktober 2010
Deutsche Oper Berlin
Audio / Video
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Musikalische Leitung: Roberto Abbado
Inszenierung: Roland Schwab
Bühne: Piero Vinciguerra
Kostüme: Renée Listerdal
Künstlerische Produktionsleitung: Christian Baier
Dramaturgie: Andreas K. W. Meyer, Miriam Konert
Chöre: Thomas Richter
Choreographische Mitarbeit: Silke Sense
Don Giovanni: Ildebrando D' Arcangelo
Donna Anna: Marina Rebeka
Don Ottavio: Yosep Kang
Der Komtur: Ante Jerkunica
Donna Elvira: Ruxandra Donose
Leporello: Alex Esposito
Masetto: Krzysztof Szumanski
Zerlina: Martina Welschenbach
Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester der Deutschen Oper Berlin
16. | 21. | 23. | 26. | 29. Oktober 2010
04. November 2010
22. | 25. | 29. Juni 2011

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

ca. 3 Stunden 30 Minuten | Eine Pause

»Woher hast du die wahnsinnigen Rechte genommen, denen du dein Leben verschrieben hast?«, fragt George Sand den Legendären. Gottfried Benn vertraut er beiläufig an: »Mir träumte einmal, eine junge Birke schenkte mir einen Sohn.« Keine andere Kunstfigur der Neuzeit hat mehr publizistische Aufmerksamkeit erfahren als Don Juan, jener »Verführer von Sevilla«, der 1613 aus der Feder eines spanischen Mönchs floh. Nur sieben Jahre jünger als sein Landsmann Don Quijote bahnt er sich seither seinen Weg durch Dramen, Epen, Romane und Opern, geistert über Kinoleinwände und Plasmabildschirme. Vor wechselnden moralischen Hintergründen prahlt er – Mahnmal und Ikone – mit seiner berühmten Liste, angelegt gegen den Tod, den er als steinernen Schatten wirft. »Mein soll die Hölle sein!«, hörte ihn Lord Byron sagen.

Ein schneidender Akkord eröffnet am 29. Oktober 1787 im Gräflich Nostizschen Nationaltheater in Prag unter der Leitung des Komponisten die Ouvertüre zu einem Dramma giocoso über den Todeslauf von DON GIOVANNI. In der Geschichte des Musiktheaters ist dieser Augenblick nachträglich mit dem Urknall zu vergleichen. Um sich in die Figur des zügellosen Wüstlings und Gotteslästerers versetzen zu können, musste sich Textdichter Lorenzo da Ponte immer wieder durch Flirts mit der Tochter seiner Wirtin in Stimmung bringen. Mozart selbst, im Jahr zuvor mit seinem FIGARO erfolgreich, komponiert für 1000 Gulden Gage unter großem Zeitdruck. Die Ouvertüre wird erst am Tag der Uraufführung um 7 Uhr abends fertig. Einen »Blitz« sieht Søren Kierkegaard, der »aus dem Dunkel der Wetterwolke sich löst, unsteter als dieser und doch ebenso taktfest. Höre der Leidenschaft zügelloses Begehren, höre das Rauschen der Liebe, höre das Raunen der Versuchung, höre den Wirbel der Verführung, höre des Augenblicks Stille – höre, höre, höre Mozarts Don Juan!«

Die Höllenfahrt, zu der der Archetyp sittlicher Verwerflichkeit bislang verurteilt war, fährt ihm diesmal als Seele ein. Für sein Ende wird zwar die ganze abendländische Metaphysik bemüht, doch bestätigt es nicht mehr allein die Gerechten in ihrer Entrüstung, sondern stiftet Betroffenheit. Die Freiheit, die der Libertin wider die verordnete Demut preist, macht ihn an der Schwelle zur Französischen Revolution zum anarchischen Prototyp. In seiner Zügellosigkeit, als Lebensentwurf aus dem Diktat der Hormone geschält, können sich triebhafte Sehnsüchte und Selbstverwirklichungsphantasien nachfolgender Generationen spiegeln.

Das 19. Jahrhundert wird ihn mit Faust verschwägern, um ihn dann sinnbeschwert der Psychoanalyse zu überlassen. Julia Kristeva ortet in ihm den »Sohn einer Mutter, die bei ihrem Gatten zur Träumerin wird und an ihren Kleinen weitergibt, er möge alle Frauen so erobern, wie keiner sie selbst je erobert hat«. Dass er traurig sein könnte, hält Albert Camus für unwahrscheinlich. Wie das »Lachen, die sieghafte Frechheit, das Sprunghafte«, das zutiefst Irdische, das der französische Philosoph an ihm diagnostiziert, doch täuschen kann! – Mit D.H. Lawrence sinniert der Ruhelose: »Wo gibt es Frieden für mich? Das Mysterium muss in mich verliebt sein …«

Was treibt den Verführer durch die Schlafzimmer der Jahrhunderte? Was jagt den Jäger? Wer ist dieser Mann, der immer nur bedeutet, wirklich?

* * *

»Don Juan ist das unersetzliche Sinnbild bestimmter Grundanliegen, die den Menschen bedrängen, eine unvergängliche ästhetische Kategorie, ein Mythos der menschlichen Seele. Im leuchtenden Zodiakus unserer Lebensprobleme hat neben Herakles und Helena, neben Hamlet und Faust auch Don Juan seinen Platz und strahlt in die Nacht der Seele seinen feierlichen Sternenglanz hinein, ein erregendes Flimmern, das halb Charme, halb Verzweiflung ist.« José Ortega y Gasset

»Genaugenommen ist es nicht mehr ihr Zimmer, sondern ihr ehemaliges Kinderzimmer, das jetzt verlassen ist, mit seinen tief herunterhängenden Vorhängen, mit einem Bett, dessen Form etwas manieriert wirkt, und mit einer dunklen Truhe unter dem Fenster.
Der Gast setzt sich auf die Bettkante; das ist wegen der Höhe nicht sehr bequem, und so muss er die Beine gespreizt gegen den Boden stemmen. Als sie, nachdem sie einen nichtssagenden Blick auf ihn geworfen hat – der allenfalls das instinktive Misstrauen eines wilden Tieres hat -, sich nun über die Truhe beugt, um ihre wertvollen Fotoalben herauszuholen, und dann zu ihm zurückkehrt, fällt ihr daher nichts anderes ein, als sich mit dem Rücken ans Bett zwischen seine Beine zu setzen. Besser gesagt, sie drückt sich dazwischen: Und sie hat es da nicht unbequem, denn die vom leichten, hautengen Tuch eingehüllten Beine des Jungen sind wie zwei Säulen, zwischen denen sie sich ungezwungen und mit fast kapriziöser Eleganz niederlassen kann. Freilich, würde sie sich nur ein wenig umdrehen, hätte sie vor sich seinen Schoß, unbefleckt und voller Kraft am Treffpunkt der beiden schützenden Säulen. Aber sie dreht sich nicht um: Ihre Blicke wandern fast flehend vom Fotoalbum zum Gesicht des Gastes, der ihr zulächelt, gütig in all seiner Stärke.
Sie richtet fragend ihre großen runden Augen auf ihn, den kleinen Mund halb geöffnet wie bei jemand, der an Nasenpolypen leidet. Dann senkt sie die Augen wieder auf das Album, blättert darin herum, sucht mit einer Gewissenhaftigkeit, die schon Entrücktheit ist, nach den anderen Prunkstücken ihrer Familienandenken.
Und der Gast lächelt. Da legt sich seine Hand in natürlicher, unvorhergesehener Bewegung auf seine Schenkel, auf seinen Schoß hinter ihrem Rücken. Bei der Bewegung dreht sie sich um und blickt – mit ihrer entrückten Gewissenhaftigkeit – auf die Hand: Jetzt schlägt sie die Augen zu ihm auf, jedoch bemüht, den Ausdruck nicht zu verändern, dasselbe Licht in ihnen zu bewahren. Er aber lächelt, väterlich und mütterlich, mit noch größerer Wärme; und, als sie ein lebloses, unbewegliches Etwas ist, fasst er sie unter den Achseln und zieht sie vom Boden fast ganz zu sich hinauf.
Das Fotoalbum fällt auf die Erde, ihrer beider Mund begegnet sich. Es ist der erste Kuß, den sie bekommt, ganz starr, ganz Körperlichkeit: auf den Knien, und gehalten von den starken Armen des Jungen, für den sie so leicht ist ...« Pier Paolo Pasolini
 
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